Ein paar Freunde sitzen am Tisch und die vorderste Frau schaut abwesend auf ihr Handy

Eine Freunde-Pause ist erlaubt

„Muss man seine Freunde eigentlich auch sehen, auch wenn man gar keine Lust hat?“ Mit dieser Frage überraschte mich kürzlich eine ehemalige Kollegin. Sie ist beruflich stark eingespannt und arbeitet abends oft lang. Am Wochenende sind Haushalt und Einkäufe zu erledigen, und sie ist froh, Zeit mit ihrem Partner verbringen zu können. Doch da sind auch all die Freunde, die ebenfalls Ansprüche erheben. Einige wollen zum Sonntagsbrunch, die anderen haben eine interessante Ausstellung entdeckt. Mehrere WhatsApp-Nachrichten aus der Woche sind noch unbeantwortet, ein Geburtstagsanruf ist noch zu erledigen.

Freunde sind eine schöne und wichtige Bereicherung des eigenen Lebens. Aber deine Zeit und Energie sind begrenzt. Beruf, Beziehung und Familie fordern bereits viel, dazu wünscht sich jeder Zeit für Sport, Hobbys und eigene Interessen. Du darfst deshalb durchaus auch bei Freunden auswählen, was für dich funktioniert und was dir zu viel wird. Oft genügt schon ein offenes Wort: „Ich brauche derzeit ein bisschen mehr Ruhe”, „Es ist bei mir zeitlich sehr eng”, „Ich melde mich etwas später”. Echte Freunde verstehen und respektieren. dass es nicht immer nur um ihre Wünsche und Bedürfnisse geht, sondern für beide passen soll.

Achte auf deine Erholung

Gerade in stressigen Zeit – wie es sie in diesem Jahr wirklich nicht zu knapp gibt – empfiehlt es sich, mehr auf sich zu achten. „Reduziere so viele Verpflichtungen, wie du kannst”, heißt es in meinem Buch „Ich mach da nicht mehr mit” (S. 76). „Braucht man dich wirklich in allen Meetings? Triffst du bestimmte Freunde nur, weil du dich dazu verpflichtet fühlst? Sag ab. Musst du dich ins Sportstudio zwingen? Trainiere daheim oder gehe nur einmal spazieren. Stresst dich der Gedanke an eine geplante Reise? Verschiebe oder storniere sie. Kurz: Ruh dich aus, geh früh ins Bett und schlaf dich endlich einmal richtig aus.“ Pausen helfen!

In anstrengenden Phasen merkst du sehr schnell, welche Freunde immer nur etwas von dir wollen: Zuhören wegen Liebeskummer oder Job-Problemen, Unterhaltung an langweiligen Abenden, praktische Hilfe beim Umzug. Und richtig unangenehm werden, wenn du nicht sofort und ständig bereit stehst. Das ist nicht selten der passende Zeitpunkt, solche Kontakte zurückzustellen oder ganz einschlafen zu lassen. Dafür braucht es gar keine dramatische Aussprache oder Erklärung. Du darfst eine Freundschaft so locker gestalten, wie du es möchtest – und wenn es nur noch Anrufe zum Geburtstag und zu Weihnachten sind.

Intensive und ruhige Phasen

Gute Freunde gestehen dir dein eigenes Leben zu und geben dir den Freiraum, den du brauchst. Sie sind nicht beleidigt, wenn du sagst, dass du aktuell nicht so verfügbar sein kannst wie bisher. Du kennst das von richtig guten Freunden: Auch nach einer langen Pause kann man direkt wieder da anknüpfen, wo man aufgehört hat. Es ist ganz normal, dass sich intensivere und ruhigere Phasen abwechseln. Das hat viel mit äußeren Umständen zu tun: Die Lebenswege gehen auseinander, jemand zieht um. Auch die ersten Jahre im Beruf oder das erste Kind ziehen viel Zeit und Kraft ab. Jeder, der im Leben steht, sollte das verstehen.

Wenn du dich in Konflikten mit Freunden befindest, achte auf dein Gefühl: Fühlst du dich gut verstanden, akzeptiert und angenommen? Oder moralisch unter Druck gesetzt, wird dir ohne Grund ein schlechtes Gewissen eingeredet? Das sagt dir mehr über die Freundschaft als über dich. Meine Empfehlung ist: Entscheide so, wie es zuerst einmal für dich gut und machbar ist. Versuche nicht, es ständig den anderen so leicht wie möglich zu machen, indem du etwa immer wieder zu etwas zustimmst, was du gar nicht willst oder schaffst. Ein wenig gesunden Egoismus darfst du dir gestatten, denn das ist Selbstschutz.